Hersteller: Ozone
Pilot: Stefan Schumacher
Datum: März 2007
Den Ozone Addict S konnte ich für ca. 15 Stunden fliegen, teils
bei turbulenten Bedingungen.
Zuvor flog ich den Skyward Raven im Jahr
2003 als Schulungsschirm, danach den Skyward Hawk, dann den Skyward Air-FX,
alle Schirme waren 1-2er.
Geflogen bin ich außerdem die 1er Avalon und Mescal, die 1-2er Tequilla
und Rush, sowie den Nova Tattoo (2er) und ein paar Abgleiter auf anderen
Schirmen. Ich fliege frei in der vierten Saison.
In den letzten 12 Monaten hab ich ca. 70 Flugstunden.
Ich bezeichne mich als streckenfluginteressierten fortgeschrittenen
Anfänger und mag auch bockige, windige Bedingungen.
Da ich meistens im starkwindigen Indien fliege, brauche ich einen Schirm,
den ich im oberen Drittel des Gewichtsbereichs fliegen kann. Mein
Startgewicht liegt zwischen 85 und 90 kg, der Addict S ist zugelassen von
65 - 85 kg. Teilweise lag ich leicht über dem Maximum.
Die technischen Daten habe ich jetzt gerade nicht parat, aber die sind sicher auf der Hersteller-Homepage zu finden.
Der Addict kommt sowohl bei schwachem Wind, als auch bei starkem Wind sehr leicht über den Piloten, einmal über dem Piloten bleibt er relativ gut stehen, allerdings kommen die Ohren bei seitlichen Böen schon einmal ein wenig herein. Mit dem Addict bin ich nur rückwärts gestartet, der Vorwärtsstart ist aber nach meinen Beobachtungen auch sehr einfach.
Meine Lieblingsstartart rückwärts ist bei jeder fliegbaren
Windstärke auch bei fast Nullwind möglich. Bei leichtem Wind
kommt die Kappe gleichmäßig langsam hoch, es reichen bei jeglicher
Windstärke die inneren A-Leinen, die Ohren entfalten sich dann
von alleine, was bei stärkerem Wind besser ist, weil der Zug des Schirms
erst mit langsam öffnender Kappe zunimmt.
Aufgrund meines hohen Gewichts hab ich auch bei Windstärken bis 30 km/h
keine Probleme den Schirm aufzuziehen, ein wenig entgegenlaufen, leicht
anbremsen und gleich wieder die Bremsen freigeben, dann steht der Schirm
über dem Piloten und wartet auf den Start.
Der Schirm fliegt im Geradeausflug sehr stabil, im Trimmspeed hatte ich nie
einen Klapper, der den Geradeausflug gestört hätte.
Mit maximalem Speed bleibt die Kappe auch in leicht unruhigen Bedingungen
stabil, und macht sehr gute Fahrt. Müssten laut GPS ungefähr
55 km/h gewesen sein.
Obwohl man durch die Dynamik des Schirms sehr enge steile Kurven in der
Thermikfliegen kann, ist die Stärke des Addicts das entspannte
Kreisen mit Körper in Mittelstellung. Um besonders flach zu kreisen
bei schwachen Bedingungen, kann man das Gewicht sogar auf die
kurvenäußere Seite verlagern. Die Wirkung der Bremsen ist
sehr gut, so dass trotzdem enge Kreise, übertrieben gesagt,
fast auf der Stelle möglich sind.
Zum ersten Mal hab ich im Flug gemerkt, wie ein Flügel reagiert, der
in die Thermik beißt. Der Addict zieht, sobald er in die Thermik
kommt, spürbar nach vorne. Das war am Anfang sehr ungewohnt. Durch
die nicht verlorene Dynamik lässt sich der Flügel sehr
einfach und präzise in die Thermik steuern und muss nicht erst
wieder Fahrt aufholen.
Ein selbstzentrierender Schirm ist der Addict allerdings nicht, Schirme,
welche die Thermik von selbst zentrieren, halte ich sowieso für eine
Erfindung der Marketing-Abteilung.
Ja, Spielverhalten ist wohl der Ausschlag, warum ich mir einen Addict kaufen würde. Mit Bremse rechts, Bremse links und etwas Gewicht befindet man sich über der Schirmmitte. Für Wing Over ist dieser Schirm wie gemacht. Genau dieser Aspekt ist aber auch das Argument, warum dieser Schirm nicht für Grobmotoriker gemacht ist. Feingefühl und schnelle Reaktionen sind ein Muss in thermischen Bedingungen.
Provozierte Klapper im Trimmspeed mit dem Addict endeten immer
vor 180 Grad wegdrehen, meistens sogar weit vorher, die
Vorschießtendenz war mäßig. Mit Gewichtsverlagerung und
dezenter Bremse auf der offenen Seite lässt sich der Schirm auch zu
50% geklappt geradeaus fliegen.
In turbulenter Luft bin ich öfters Fullspeed geflogen und habe zweimal
einen unprovozierten Klapper kassiert. Der erste Klapper war ein beinahe
Totalzerstörer, der sich nicht angekündigt hat und bei dem nur
noch zwei oder drei Zellen auf der rechten Seite offen blieben.
Der Schirm ging unvermittelt auf die Nase und in eine Linksdrehung.
Der Schirm war in einer Spiralbewegung, der maximale Wert auf dem Vario
später lag bei -18,5 m/s. In der Anfangsposition der Spirale hatten
sich zwei bis drei Zellen mehr geöffnet und mit Gewicht auf der
offenen Seite und leichtem Anbremsen gelang es mir, den Schirm in
einer konstanten nicht schneller werdenden Spirale zu halten.
Die Zellen öffneten sich verhalten und ich versuchte, durch leichtes
Pumpen auf der offenen Seite einen vollen halben Flügel herzustellen,
was schließlich auch bis auf das Ohr gelang. Mit halbem Schirm
konnte ich die Drehbewegung verlangsamen und mit geringerer
Geschwindigkeit öffnete sich auch die andere Hälfte zusehends.
Die Ohren blieben auf beiden Seiten bis fast zum Normalflug eingeklappt.
Der Höhenverlust war immens, allerdings aufgrund meiner Höhe
über 1000 Meter über Grund kein Problem.
Einen Speedklapper in
niedriger Höhe kann ich mit dem Addict nicht empfehlen. Unter 200 Meter
über Grund trete ich den Beschleuniger sicher nicht durch.
Der zweite Fullspeed-Klapper kurz darauf war weniger spektakulär und
kündigte sich auch besser an, so dass ich schneller reagieren konnte,
der Schirm drehte weniger als 180 Grad ab und flog fast sofort wieder.
Ohren anlegen hab ich nur einmal gemacht, nichts Spektakuläres, die Ohren kommen verzögert heraus.
B-Leinenstall ist für mich ein Zustand, in dem ein Gleitschirm nicht wirklich fliegt, diesen mag ich überhaupt nicht und hab ich mit diesem Schirm auch noch nicht geflogen. Hole ich vielleicht noch nach.
Die Spirale lässt sich sehr zügig einleiten, der Schirm fällt nicht in die Spirale und lässt sich gut kontrollieren. Auch die ungewollte 18,5 Meter-Spirale nach dem Klapper war im Endeffekt einfach auszuleiten. Ob er stabil spiralt, hab ich nicht ausprobiert, kann ich mir aber vorstellen, wenn das Gewicht innen liegt, klassentypisch eben.
Vergleiche sind hier in Indien relativ schwierig, weil es einfach
keine ruhige Luft für die perfekte Polare gibt.
Streckenkilometer hab ich nicht gefressen, dazu war nicht der Ort, die Zeit,
die Thermik. Gleitstrecken von drei, vier Kilometern mit voller Speedbar
hab ich ohne großen Höhenverlust gemacht, das Vario fällt
nicht sehr stark von Trimm- nach Fullspeed, meinem 1-2er ist er auf alle
Fälle überlegen, allein schon durch höhere Geschwindigkeit
(ca. 55 km/h) bei weniger Sinken.
Gleichzeitiges Fliegen mit dem Nova Tattoo konnte bei den stark thermischen
Bedingungen in Indien auch nicht wirklich einen Vergleich bringen und dazu
waren wir zu der Zeit auch nicht in der Luft. Moritz ist eh viel
erfahrener im Streckenfliegen, da kam es nicht auf den Schirm an. ;-)
Bei meinem Gewichtbereich kann man zügig einlanden und den Speed sehr schön durch ausflaren in Höhe umwandeln. Natürlich sollte man mit dem Addict wissen, ein Aufschaukeln in Bodennähe zu verhindern, wenn plötzlich Windänderungen oder Böen dazu kommen. Trotz seiner Agilität ist er leicht angebremst zahm genug für eine saubere Landung.
Anfangs störte mich, dass der Schirm einfach sehr nervös
wirkte. Beim Hangkratzen war es mir anfangs ein wenig suspekt, wenn
der Schirm bei aufkommender Thermik, sozusagen in den Hang hinein gezogen
hat. Das liegt an diesem In-Die-Thermik-Beißen-Effekt.
Von meinen Air-FX (1-2er) war ich das nicht gewohnt, und so waren meine
Reaktionen auch anfangs zu langsam und ich hatte das Gefühl, in den
Hang zu fallen.
Mit der Zeit änderte sich mein Steuerverhalten und genau das ist es,
was der Addict braucht, präzise schnelle Reaktionen auf
äußere Einwirkungen. Dazu braucht es eine gewisse Flugerfahrung,
die von Aufsteigern aus dem 1-2er Segment mit dem nötigen
Fingerspitzengefühl gemeistert werden können.
Trotzdem ist der Addict eine wirkliche Klasse höher, da er meiner
Meinung nach bei den Extremflugmanövern die richtigen Reaktionen
braucht.
Nicht zuletzt kann ich diesen Schirm empfehlen, wenn man einen agilen
Schirm sucht, mit dem Wing Over von einer auf die andere Sekunde eingeleitet
sind.
Ich hab einige Stunden gebraucht, bis ich mich wohl gefühlt habe, und
ehrlich gesagt, hab ich ihn schweren Herzens wieder in die Hände meiner
Frau zurück gegeben.